Reise blog von Travellerspoint

Demokratie!

Und ihr Scheitern...

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Hier bin ich wieder mit einer kurzen Rückmeldung. Dies wird wohl mein vorletzter Beitrag aus China. Ja, was ist passiert die letzten Tage? Ich war in Nanjing. Die Stadt hat satte 7 Millionen Einwohner und gehört zu den ältesten Städten Südchinas. Das muss einen Trip wert sein! Dank Speedtrain (300km/h) waren ich und zwei Arbeitskollegen in nur einer Stunde dort. Ein wenig möchte ich ja auch ein Stück Deutschland, ein Stück Europa nach China bringen. Also führte ich in unserer Dreiergruppe kurzerhand die Demokratie ein! Das Prinzip war schnell erklärt, der Tagesablauf sollte jeweils zur Abstimmung gestellt werden. Und schon das erste Eigentor: 2:1 wurde entschieden, dass wir uns alte Regierungsgebäude ansehen… Für mich waren das ein paar nette Gartenanlagen und etwas sehr gestellt wirkende Bilder und Relikte alter Parteimitglieder… Mich sprach es nicht wirklich an, aber meinen Begleitern gefiel es wohl sehr gut.
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Danach ging es einstimmig zum Konfuziustempel. Dahinter verbirgt ein Labyrinth artiges wuseliges Shoppingviertel für alle Arten von Souvenirs, Snacks, Tieren, Handwerk und Kitsch. Haben sogar einen Vogel gefunden, der „ni hao“ sagen konnte! Ein Vogel also, der fast so viel Chinesisch spricht, wie ich… ganz schön deprimierend. Hier ein paar Eindrücke:
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CHUCKY!
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Als dritte Station ging es dann zum Grab von Herrn Sun. Sun Yatsen gilt als Gründer des modernen Chinas und dementsprechend gigantisch ist seine Gedenkstätte. Es ging mit dem Bus kurz vor die Stadt, wo sich so etwas wie Berge auftürmten. Immerhin 400m hoch. Der faule Chinese nimmt hier ein Taxi… und wir auch. Oben angelangt fanden wir uns am Fuß einer riesigen Treppe wieder. Natürlich wartet der gute Herr Sun am oberen Ende und hier gab es kein Taxi mehr... Nun gut, der Weg ist schließlich das Ziel. Nach gefühlten 17 Quadzillionen Stufen erreichten wir die überraschend kleine Gedenkhalle. Den Erbauen musste nach der Treppe auch die Puste ausgegangen sein. Das ganze läuft dort streng geregelt ab. Man betritt den Raum, wird auf einem Teppich einmal rund um eine Statue geleitet und bekommt entlang des Weges Anweisungen von Schildern. Das Erste verbot das Fotografieren, das Zweite verlangte Ruhe und das Letzte forderte zum Salut auf. Begeistert, so etwas auf einem Schild zu lesen, folgte ich der Anweisung und schlug meine Hand recht übermütig an die Stirn. Als einziger, wie ich beobachtete… Meine Begleiter schüttelten nur den Kopf. Das eigentliche Highlight war jedoch die Aussicht. Seht selbst.
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Als es dann darum ging, auf wessen Rücken ich den Rückweg bestreiten dürfe, fiel unsere kleine Demokratie in sich zusammen. Es fielen Sätze wie, Abstimmungen seien doof… Vielleicht sind die Chinesen doch noch nicht reif dafür.
Es folgt ein kleiner und untypischer Ausschnitt aus meiner Arbeit nur um einmal zu zeigen, in was für bizarre Situationen man hier leicht gerät. Ein Kollege von mir war krank und ich sollte an seiner Stelle dem Meeting mit dem Baumanagement und dem Bauherrn beiwohnen. Nagut, spricht ja nichts dagegen. Aufgrund falscher Informationen war ich erstmal zu spät dran. Es war nur noch ein Platz frei an einem großen Tisch mit etwa 12 Leuten. Alles Chinesen. Ich stellte mich knapp vor und nahm Platz. Angenehmes Klima ist was anderes. Auch wenn ich sonst nicht gut vorbereitet war, hatte ich wenigstens die Themenliste des Meetings vor mir. Und dann ging es auch schon los. Auf Chinesisch. Ich verstand kein Wort und es sah nicht danach aus, als würden sie irgendwann zu Englisch wechseln wollen. Mir blieben nicht viele Dinge zu tun. Ich entschied mich einen möglichst aufmerksamen und interessierten Eindruck zu erwecken. Ich sah also immer den Sprechenden an, saß gerade und nickte, wenn die anderen nickten. Aus Langeweile kritzelte ich auf meinem Themenblatt, tarnte dies als Notizen. Auch mein Nebenmann schrieb mit. Super, dachte ich, da kann ich mir mal ein paar Sachen abschreiben. Ich beugte mich unauffällig (oder was ich zumindest für unauffällig hielt) zu ihm rüber und linste auf sein Blatt. Alles chinesische Zeichen. Mist, hätte ich mir auch denken können. Die Zeit verging und mein Blick wanderte durch die Runde. Dort saß ein Junge, jünger als ich, der sich unter den Fragen wegduckte und versuchte mit seinem Laptop besonders beschäftigt auszusehen. Daneben, im Halbschlaf, ein älterer Chinese am Kettenrauchen, dessen Hemdknöpfe sichtlich Mühe hatten die ausgestreckte Wampe im Zaum zu halten. Ein weiterer Teilnehmer erfüllte einige optische Clichés über Chinesen. Seine vorderen Zähne standen weit ab, was ihn hörbar beim Sprechen beeinflusste. Auch Frauen waren da. Äußerst desinteressiert, rauchten sie mit übereinander geschlagenen Beinen um die Wette. So ging das eine Weile weiter. Ich musterte die Teilnehmer, überlegte wo sie wohl herkamen, wie sie wohl lebten. Nach zwei Stunden kam ich zu dem Schluss, dass Hasenzähnchen etwas mit der Kettenraucherin am laufen hatte. Dann war das Meeting zu Ende. Ich fragte mich, ob den anderen bewusst war, wie überflüssig meine Anwesenheit war.
Dann hab ich noch ein paar schlechte Nachrichten. Hier kurz zusammengefasst:
Die Amerikaner sind für das Zugunglück in China vor einigen Wochen verantwortlich (Sabotage). Außerdem verbreiten sie absichtlich Krankheiten unter der Bevölkerung. Einfach aus Boshaftigkeit. Die deutsche Regierung ist genauso korrupt wie die chinesische und unabhängige Medien existieren nicht. Facebook ist nur gesperrt, weil sich dort Terroristen organisieren. Die westlichen Mächte gönnen China weder Wohlstand noch Frieden. Demokratie ist mit so vielen Menschen gar nicht möglich. Die Zugehörigkeit von Taiwan und Tibet zu China stand nie zur Debatte, wer was anderes behauptet, der lügt. Jedes Land, das den Dalai Lama einlädt, wird mindestens 2 Jahre lang gehasst (Ja, auch Deutschland damals). Ach ja, und die Welt geht am 21. Dezember 2012 unter. Dies sind Meinungen, die hier ernsthaft vertreten werden. Wegen letzterer haben einige sogar angefangen schwimmen zu lernen (Falls das ganze in Form einer großen Flut geschieht). Mich macht sowas traurig…
Es ist nicht das Schlechteste, dass ich das Land bald verlasse. Habe in diesem Eintrag wahrscheinlich genug Stichworte gegeben, um nun unter Beobachtung zu stehen…
Hier sind wir auch schon wieder am Ende angelangt. Ich habe den Eindruck, durch die unglückliche Verzögerung der Krötenstory, habe ich die Erwartungen ungewollt etwas zu sehr in die Höhe getrieben. Daher behalte ich sie lieber für mich. Ihr wärt nur enttäuscht.
Unfallcounter: 15
Verkehrsregel der Woche: Das Rechtsfahrgebot ist nur so etwas wie eine Richtlinie und darf schonmal für mehrere hundert Meter ausgesetzt werden.

Eingestellt von JonInAsia 00:23 Archiviert in China

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